Dear Friends

DF5 – Orlando 2 (Januar 98)

Liebe Freunde,

so, '98, ein weiteres neues Jahr. Wo kommen sie alle her? Es ist dasselbe mit Tagen. Schau' nach der Zeit, es ist 12.01 morgens, ein Tag hat gerade angefangen und ich bin nicht mal nahe dran, den letzten zu beenden. Mein Vorsatz fuer '98 ist, es zu ignorieren. Ich hole spaeter auf, vielleicht wenn ich schlafe, aber andererseits.... da sind all diese Traeume; ach, was zum Teufel. Was zum 'Teufel'?? Ich habe niemals wirklich jemanden 'was zum Teufel' sagen hoeren, bis auf Bobby Goldsboro ( Saenger-Songwriter, der spaeter in seiner Karriere Kinderfernsehen produziert hat – Anm. der Uebersetzerin), nachdem er gerade ein unglueckliches Maedchen mit einem Hundebaby ueberrascht hat. Du weisst, die alte todsichere Vorgehensweise.

Naja, wie auch immer, ich hoffe ihr hattet alle ein gutes Fest. Ich war gluecklich genug , ein paar Wochen in den Florida Keys mit Bron und Grace zu haben. Als wir am 24sten von Key West nach Islamorada zurueckfuhren, hoerten wir Radio (alles sehr weihnachtlich) und wurden von einer Geschichte vom Lake Woebegone verzaubert (kann mir da einer weiterhelfen, ich muss mehr darueber wissen). Die Maedels sind jetzt wieder zuhause und ich bin am Krakeln und Jodeln in Orlando, mit Roger als Gesellschaft und einer Deadline fuer die Disziplin.

Es war gut, alte und neue Freunde zu sehen – in Atlanta, Orlando, Pomona Beach, Myrtle Beach, New Orleans und Chicago. Ich habe die House of Blues Tour geliebt. Im November habe ich Joe Satriani mit G3 im House of Blues in Orlando gesehen und es fuehlte sich gut an. Das sind verdammt gute Veranstaltungsorte. Wir brauchen mehr davon, jede Stadt sollte einen Ort wie diesen haben.

Ich habe waehrend meiner Reisen eine ganze Menge Vegetarier getroffen. Woher weiss ich das? Weil sie Wert darauf legen, es mir zu erzaehlen, “Ich bin Vegetarier'”, sagen sie und dann starren sie auf herausfordernde Weise auf mich hinunter. Es ist ein stechender Blick, entstanden aus Mitleid und Froemmigkeit (das traurige und leidende Paar). Du armes Fleisch-essendes Wesen, starren sie (auf wuetende, doppelt gemoppelte Art) und dann bestellen sie einen Hummer, der dann lebend gekocht wird, oder einen Schwarm Jungfische.

In mein angekokeltes Filetsteak hineinschneidend, stimme ich laessig an “Ich bin auch ein Veggie....”.
Verstehe nicht... “Wie?....”
“Schau mal, du bist Vegetarier aber du isst Fisch, stimmts?”
Schuldbewusste Zustimmung, oder “was ich meine ist, naja, weisst du, ich esse kein FLEISCH!”
Mehr anstarren.
“Ach, ich verstehe, du traegst nur die Ueberreste der Fleischesser; Schuhe, Jacken, luxurioese Autositzbezuege usw.”
Ich weiss, es wurde alle schon mal gesagt, Lederprodukte. Sie sind ohnehin tot, Herrgott nochmal, ermordet von Fleischfressern wie mir. Naja, wenn man irgendetwas konsumieren will, was mal Eltern gehabt haben koennte, und wenn die Wahl besteht, dann wuerde ich mich eher fuer eine bewirtschaftete, nachwachsende Quelle entscheiden, als fuer etwas, das an seiner armen Lippe aus seiner relativ gewichtslosen Umgebung herausgeholt wurde (“ sie fuehlen nichts davon”, nein, natuerlich tun sie das nicht); oder etwas wohl oder uebel im Schleppnetz von einem Fabrikschiff gefangenes, dass den ueberwaeltigenden Nachteil hat, nach Fisch zu schmecken.

“Hast du vor, diesen Hummer zu essen, dir laueft fettreduzierte Butter den Ellenbogen herunter! Oh, uebrigends, ich habe gerade ein Paar Jeans aus Nerz bestellt”. Der stechende Blick wird jetzt von einem stillen Schrei begleitet und ich bin bereit fuer den Gnadenstoss.
“Ich dachte, sie werden gut zu meinen Zackenbarschstiefeln und meiner Engelhaibrieftasche passen”. Mein Hauptanliegen ist aber die Schermaus. Das ist mein kleiner Beitrag, sie zu retten und all die anderen Spezies, die aus ihren Flussufer – Behausungen verschwinden, als direkte Folge (absolut direkt, hier gibt es keine Debatte) der Gefraessigkeit des Nerzes. Diese nordamerikanische Kreatur, freigelassen in der englischen Wildness von diesen Bauern, die die Profite der Farbindustrie schmaelern wollen....

Zwischenzeitlich ist der Hummer kalt geworden und er hat den Verstand verloren. Wie sorglos kann man sein? (Saeugetierphobie, fiese Angelegenheit).

Wenn ich fuer eine kurze Pause nach England komme, vor der naechsten Tour, werde ich fuer beinahe sechs Monate weggewesen sein. Ich bin ans Reisen gewoehnt, aber irgendwie ist es schwieriger, wenn man nicht unterwegs ist. Wenn man irgendwo sein muss, ist Orlando aber so gut wie es nur geht; nette Leute und viel zu unternehmen. Ich fahre ziemlich viel Kanu.

Manchmal fernsehe ich. Es ist ziemlich erstaunlich, Demokratie genau vor deinem Auge zerfallen zu sehen. Ich habe wahrscheinlich nicht recht, aber es scheint mir, dass der Wille der Mehrheit (das ist Demokratie in meinem Woerterbuch) von dem unartikulierten Bellen der mehr als ein bisschen beleidigten (MAEBBM) Moechtegerns erstickt wird. Ich bin in einer abkuerzenden Stimmung, also hier ein paar Beispiele... alle basierend auf etwas, was ich im Fernsehen gesehen habe (naja, locker basierend).....

In Oklahoma haben sie gerade den Film 'The Tin Drum' (die Blechtrommel, Anm. Der Uebersetzerin) mit einem Bann belegt und behaupten, er sei pornografisch. Genau wie in den 80ern (war es eines der Carolinas das 'Splash' verboten hat (wie bitte?), waehrend man 'The Texas Chainsaw Massacre' noch ausleihen konnte, es ist schrecklich, also haben wir A. GDS'G (Die Amerikanische Gesellschaft der Schmutzigen Gedanken). Dann natuerlich, eine meiner Favoriten AGGGGGDDDSSSSS, die Amerikanische Gesellschaft der Stotterer, die versuchte ' A Fish Called Wanda' (Ein Fisch namens Wanda) zu verbieten.

Dann gibt es ABBG, die Amerikanische Blinde Bastarde Gesellschaft, die eine anti- Magoo Kampagne direkt hier bei Disney (oder einem der Studios) in Orlando aufgezogen hat. Anscheinend ist die AGE (Amerikanische Gesellschaft der Einseitigen) fuchsteufelswild auf ein Pogotreffen; und zum Abschluss (ich ueberlasse euch die Abkuerzung), die Amerikanische Gesellschaft der Dummen, Entsetzlich Uebergewichtigen und Wahrscheinlich Bald Explodierenden wollen den Hula-hoop in diesselbe Richtung schicken, wie Kolumbus (der nebenbei nun doch nicht existiert, weil es scheint, dass er nun doch nicht so ein netter Kerl war; ein bisschen ausbeuterisch, wird gesagt), weil keiner ihre Mit-glieder (das heisst Arme, Beine etc.) einen ueberstreifen kann.

Vielleicht koennten wir eine Abkuerzungsecke auf meiner Webseite http://www.gillan.com/ einfuehren.

Wie meine alte Oma zu sagen pflegte, “wenn du in den Spiegel schaust, wirst du den Teufel persoenlich sehen”. Sie war nur wegen meiner narzisstischen Gepflogenheiten besorgt aber, na schoen, wer weiss wohin ein bisschen Selbst-Wertschaetzung fuehrt, offensichtlich in manchen Faellen zu voll entwickeltem Nazitum.

Zurueck zu hoeheren Dingen, wir hatten ein Bandtreffen kurz vor der House of Blues Tour. Dieses sind seltene und normalerweise nutzlose Versammlungen, die auf nur noch einen sinnlosen Versuch hinauslaufen, Einfluss auf unser Schicksal zu nehmen. Mit Purple passieren die Dinge einfach. Die Band hat Geist und Seele, staerker als jeder von uns allein genommen und scheint uns ziemlich gut zu leiten; solange wie wir ein bisschen mehr hineinstecken, als wir herausnehmen.

Danke fuer all die klasse Resonanz zu Dreamcatcher, Caramba ist eine unkonventionelle Plattenfirma, da die Musik nicht eine oder zwei Wochen nach Erscheinen vergessen wird, wenn die Platte es durch eine Laune der Natur nicht in die Charts schafft. Ich habe viel von 'Accidentally on Purpose' gelernt und ihr werdet mehr von 'Catcher hoeren. Ich habe gerade einen Vertrag mit 'Forbidden Records' in Orlando gemacht, um 'Catcher in den USA im naechsten Fruehling zu veroeffentlichen, und die ueberarbeitete Version kaut schon auf dem Gebiss rum....

Ich muss jetzt gehen und '97 beenden, in der fruehen dunklen Morgenstunde.

Peace & love,

Ian Gillan

Copyright © Ian Gillan 1998

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