Dear Friends

DF 37 - Polen, Gillan's Inn und all die Stationen dazwischen

April 2005

Liebe Freunde,

Wir schickten uns an, das Neue Jahr über bei meinem Kumpel Tommy Dzuibinski in Polen zu verbringen. Den ersten Tag blieben wir in Krakau, die Salzminen, das Schloss und die Kathedrale zu erkunden. Wir aßen zu Mittag in Schindlers Café, im jüdischen Viertel. Dann verbrachten wir fünf Tage in Wisla (Viswa ausgesprochen), in den Bergen nahe der tschechischen Grenze.

Wandern durch Bergschnee. Irre, Wodka-abgetankte Pferdeschlittenfahrt - eine Mondscheintour zu Sylvesterabend, den Fluß entlang galoppieren, klingelnde Glöckchen, die eine Art hektischen Beat halten. Köstliche, gegrillte Was-auch-immer essen und über's Feuer springen, gefolgt von einer weit halsbrecherischeren Fahrt nach Hause. Der Kutscher war zu besoffen, um noch mit den Pferden umgehen zu können, aber schon mehr als genug abgefüllt, um ruhmreich zu singen. Wir verloren einen Typen, der eingeschlafen und von der Rückseite des Schlittens gekullert war - er hätte bei den Temperaturen keine Stunde überstanden - es war minus ziemlich heftig -, wäre er nicht zufällig von jemandem entdeckt worden, der die jähe Frische bemerkte, als der andere sich aus der gemeinsamen Wolldecke verzupfte.

Dergleichen gab es die nächsten paar Tage und Nächte mehr. Heißes Bier in einer Hütte trinken, bei den Nachbarn im Wald auf Stippvisite einfallen und deren Suppe und Knödelbrote teilen, bevor man wieder nach Hause marschiert, um, zurück in Tommys bescheidener Vier-Etagen- und Sechs-Schlafzimmer-Blockhütte - oder mehr einem Schloss - mit allem wieder von vorne anzufangen.

Später dann aus der Sauna rauskommen, um nackt an der Bar im Schein eines lodernden Holzfeuers zu sitzen, mit unserem liebenswürdigen Gastgeber Geschichten aus alten Tagen austauschen, der stolzer Besitzer des prächtigsten Paares cajones nördlich von Madrid ist.

Ja, Polen übers Neue Jahr ist definitiv DER Ort zum Aushalten.

Bezüglich eines Filmes, den ich nie gesehen habe - möglicherweise Die Zwöf Gebote genannt - wurde ich von meiner Tochter Grace gefragt…. Wenn ich die Chance gehabt hätte - z.B. eine geladene Waffe in meiner Tasche - hätte ich, in voller Kenntnis seiner späteren Greueltaten, eine Kugel in Adolf Hitlers Kopf gejagt, wenn ich ihn als Neunzehnjährigen getroffen hätte?

Ich sagte ihr, nein, hätte ich nicht, weil es eigentlich das selbe wäre, wie sie und mich zu töten. Hätte ich Hitler umgebracht, hätte es womöglich keinen Krieg gegeben; ziemlich sicher hätte meine englische Mutter nicht meinen schottischen Vater getroffen, der sicherlich nicht zu Friedenszeiten der Armee beigetreten wäre.

Ich wäre nicht geboren worden, und auch nicht Grace etc etc.

Auf kurze Sicht wäre das wahrscheinlich ohne wirkliche Konsequenzen, wer würde dann aber wiederum jemals davon gewusst haben. Das ist die Essenz der Chaostheorie.

Hätte ich eine Kugel in den Kopf des jungen Hitlers gefeuert, würden die meisten wohl zustimmen, dass es eine gute Sache war, diesen verrückten Hund eingeschläfert zu haben; in dem Wissen, was er für später geplant hatte.

Man muss jedoch davon ausgehen, dass die meisten der dann folgenden abscheulichen Taten in seinen frühen Jahren tatsächlich noch nicht in seinem Kopf rumspukten; nur der dumpf schmerzende Horror von alle dem, der in seinem diabolischen Bauch nagt. Visionen von Mussolini und Ceausescu blitzen an der Mauer auf - wie sie, als Warnung für alle, an ihren Innereien baumeln - ah, aber das war später.

Das war aber nicht alles, was wir in Costa Rica taten, wir unterhielten uns nicht nur über Hitler und die Chaostheorie. Unseren zweiten und längeren Familienurlaub verbrachten wir in Punta Islita an der Pazifikküste. Drei Wochen Paradies. In der ersten Nacht gab es noch helle Aufregung. Was war das? Ch ch ch ch ch WAAAAAAAAH!!! Doch nur eine Eidechse - das fanden wir am nächsten Tag heraus. Allmählich wurden wir mit den Kreaturen um uns herum vertraut, in deren Welt wir mit einem Gefühl von Wunder und Respekt angekommen waren.

Was für uns exotische Gattungen waren, existierte in diesem unberührten Teil der Welt in normalem Überfluss. Keine hinaufragende Hotels, keine Diskotheken oder Jetski; dafür aber Brüllaffen und Blattinsekten, Kolibris und Geier, Eichhörnchen, Papageien und Spinnen und Wanzen, die überall auf mir herumkrabbelten - sich aber im Allgemeinen wohlwollend benahmen. Wohin man auch sah, überall waren Eidechsen und Schlangen, Stachelrochen und dornige Normannen (eine andere Bezeichnung für Seeanemonen). Ein Krokodil sah ich nicht, traf aber einen Mann, der das hatte.

Grace stellte eine kleine Früchtegabe raus, um noch einmal zur Lücke in der Hecke das mysteriöse Monster zu locken und wir waren gespannt, das zu sehen, was uns später als "gemeines Opossum" beschrieben wurde. Ein schmuddeliges T-Shirt und gammelige Gummilatschen am Leib, musterte es uns und nuschelte durch eine mundvoll Apfel 'Aei Kumpel - gehts noch?', derweil er die verottenden Reste in seinem Hüftschlamperl verschwinden ließ - dieses Opossum war wahrhaftig ein gemeines.

Die örtliche Radiostation hatte 'Nothing Compares To You' von Sinead O'Connor auf hohe Rotation gesetzt. Wahrscheinlich als Warnung vor einer drohenden Katastrophe - bestimmt rannten deswegen die Leute in alle Richtungen davon. Aber es passierte nichts, und alle kehrten im Glauben zurück, es wäre sicher - nur, damit sich der ganze Horror wiederholen sollte. Wie sie das Vorsingen im Dorffestsaal für die Vorausscheidungen einer früheren Version von X-Faktor überstehen konnte, entzieht sich völlig meiner Vorstellungskraft - sie ist flacher als Holland; und da kenne ich mich aus, ich gehe jedes Jahr in den holländischen Alpen zum Skifahren - in der ersten Juliwoche.

Früher gefror der Wodka, was unüblich ist. Auch der Kaffee gefror und aus der Eiscreme wurde Vanillegranit. Ich versuchte, das Thermostat zu justieren, aber der Regler war eingefroren. So wechselten wir uns alle ab, auf ihn zu pusten und einige Zeit später war alles wieder kalt.

Eines Tages paddelte ich am Fluss, als ein Pelikangeschwader über mir vorbeizog, so lehnte ich mich in meinem Kajak zurück, um sie zu beobachten. Ich staunte über diese dürren Chevrons im Flug - wenn man die Art kennt, wie sie den ganzen Tag lang nur futtern, kann man sich kaum vorstellen, dass sie so anmutig in der Luft sind. Die Technik ist etwas sehenswertes - zwanzig Fuß über der Brandung schwebend machen sie ihr Ziel aus, falten ihre Flügel zusammen und stürzen wie Steine, den Schnabel voran, in vier Zoll tiefes Wasser - Beine und Federn überall, wirklich recht amüsant und sehr lustig.

Eines Abends zog ich mich vorm Essen noch mit Shampoo im Haar aus meiner Duschkabine zurück und spülte es im Handwaschbecken ab, aus Respekt vor einem costaricanischen Spinnentier, das in der reißenden Flut gefangen war und zu ertrinken drohte. Was mache ich bloß, dachte ich mir, die Sache ist total verfahren - das arme achtbeinige Kerlchen kämpft um sein Leben, während ich auf die Fliesen tropfend niederknie und um seine Erlösung bete. Das Zucken eines Beines und ein klägliches Zittern gaben mir Hoffnung und ich schloss die Tür - meine Erfahrungen aus der Vergangenheit mit einer Libelle ermutigten mich, dem Schicksal seinen Lauf nehmen zu lassen.

Am nächsten Tag machte das Mädchen das Zimmer sauber und Jeff war weg; ich hoffe, dass er durch den Abfluß runter zurück zu seinen Lieben, in was auch immer für ein Labyrinth dort drunten in Spiderworld existieren mag, entkommen konnte.

Man konnte dort auch reiten und diese großartige Erfahrung, die Kabelstränge durch den Baldachin des Waldes hinunterzugleiten. Ich werde noch mal dorthin zurückkehren.

Urlaubslektüre:

A Short History of Nearly Everything - Bill Bryson
The Complete Short Stories of - Ambrose Bierce
Millennium People -J.G. Ballard
His Dark Materials (die Trilogie) - Philip Pullman - (wurde mir von meiner Bekannten Sarah Cross empfohlen und von uns allen verschlungen).
The Curious Incident of The Dog in The Night-Time - Mark Haddon
Wilt in Nowhere - Tom Sharpe
Fear and Loathing in Las Vegas - Hunter S. Thompson (Ich war drauf und dran R.I.P. zu sagen, aber ich bezweifele, dass er, noch irgendjemand anderes dort unten jetzt wird - kann kaum erwarten, den Mann zu treffen).
Love All The People - Bill Hicks
The Sense of Being Stared At - Rupert Sheldrake

So winkten wir einander zum Abschied in San Jose zu und ich machte mich auf zum Nordpol, gut, der schien es zu sein, als ich in Toronto landete, ohne große Vorahnung, was mich nur ein paar ein paar Stunden später erwartete, als ich nach Buffalo NY kam - es war noch kälter. Mein Freund R. Bruce hatte Recht; meine Nippel knallten zu Boden und zerbröselten in dem Moment, als ich die Südseite der Friedensbrücke erreichte.

Zweck dieses Trips war es, mit meinem neuen Album anzufangen - Gillan's Inn. Die ersten Entscheidungen waren getroffen worden - wir wussten, welche Titel aufgenommen werden sollten, wer der Produzent sein sollte, welche Musiker als Gäste einzuladen waren etc. Seit dem 5. November 1965, als ich mit Episode Six meinen ersten Plattenvertrag bei Pye Records unterschrieb, habe ich ziemlich viel Material aufgenommen und über dreihundert Songs geschrieben.

Mein Manager Phil Banfield schlug vor, ich solle für mein Jubeljahr doch etwas besonderes machen. Ich habe im August Geburtstag der runden Art und bin vierzig Jahre on the road gewesen - ein bisschen mehr, um bei der Wahrheit zu bleiben.

Die Idee entwickelte sich und ich begann, Songs aus all den Jahren auszuwählen, angefangen mit denen der Javelins (1962). Wir hatten nie eine Aufnahme in einem Studio oder sonstwo gemacht - erst viele Jahre später -, so habe ich 'Can I get a Witness', einen alten Marvin Gaye Song genommen, den wir zu covern pflegten.

Aus der Episode Ära entschied ich mich für 'I'll be your baby tonight', den Dylan Song, den wir gerne live spielten.

Im Anschluss vertieften wir uns in die selbst-niedergeschriebenen, und als Co-Autor verfassten Songs, von den '69ern an aufwärts.

Ich entschied, das Projekt Gillan's Inn, nach dem berühmt-berüchtigten Kneipenwappen zu nennen, welches zu Hause in meinem Billardzimmer über'm Klavier hägt - und ab und an mit auf Reisen geht.

Ich rief meinen Kumpel aus alten Tagen Michael Jackson (Michael Lee Jackson, MLJ) an, der in Buffalo/NY lebt, und er kam als mein Kreativmanager mit an Bord. Er ist zudem ein recht passabler Banjospieler, was sich als Minibonus rausstellte, wie man auf dem Album dann später hören werden kann. Michael probte mit einigen großen Musikern in Vorbereitung zu den Basistrackeinspielungen bei den Metal Works Studios in Toronto (Mississauga, um genau zu sein), und auch in einem Studio in Buffalo, welches später als "Die Nippelfarm" in aller Munde war - amüsiert mich nach wie vor. Die Phrase 'wild und crazy' fällt jedoch keinerlei Urteil über die nächtlichen Visionen, die ich in dieser Woche hatte. Mag sein, dass es die Musik, die Blizzards, oder womöglich auch der mich in seine Arme ziehende Raum war, in dem ich schlief.

Es schien, als hätten sich meine drei alter egos - Papa G, Libido Galactica und Garth Rockett - miteinander verschworen, ihre Profile zu erheben und eine Art spiritueller Dreifaltigkeit zu kreieren, gegen die es vergeblich schien, zu widerstehen... und warum sollte ich auch?

Während unserer Zeit in Buffalo lernte ich eine große Anzahl von großzügigen und freundlichen Leuten kennen. Wir fanden unsere Stammkneipe - eigentlich ein paar, aber den einen ganz besonderen Ort, an dem wir die meisten Nächte nach der Arbeit wieder reparierten. Sie heißt 'The Old Pink' (fragt nicht); man konnte dort gute Musik, gute Gesellschaft und gutes Bier jede Nacht bis in die Puppen kriegen. Diese Institution ist drauf und dran, das Ebenbild für Gillan's Inn zu werden, da es über alle notwendigen Ingredienzen dafür verfügt. Ich muss an dieser Stelle Bob Mussell für seine Inspiration und brillanten Fotos erwähnen. Er hat auch noch andere Talente, die für das Wohlergehen eines Projektes wie dem unseren unerlässlich sind.

Ein- oder zweimal hüpften wir die Grenze rüber nach Fort Erie - zum Puppentanz!!

Vielleicht habt ihr schon bemerkt, dass wir hier auf Caramba! eine neue Rubrik eingestellt haben, um euch mit Informationen über Gillan's Inn auf dem laufenden zu halten. Es wird noch viel mehr dazu kommen.

Nächster Halt war tief in englischer Landschaft bei den Jacobs Studios, nähe Farnham in Surrey. Wir bezogen die Residenz für eine Woche und arbeiteten den Terminplan ab. Alle Musiker kamen zur vereinbarten Zeit an - die meisten zudem sogar noch am richtigen Tag - erstaunlich.

Es war ein spannendes Erlebnis und eine Ehre, als diese Freunde erschienen, um auf meinem Album mitzuspielen: Janick Gers, Steve Morris, Don Airey, Dean Howard, Cliff Bennett, Michael Lee, Ian Paice, Roger Glover und Jon Lord. Und dann gab es da noch diesen Typen aus der Bar…

Nick Blagona (mein Produzent: A on P, Perfect Strangers etc. - vergleiche auch die Anmerkungen in der GI-Rubrik auf der Startseite), MLJ und meiner einer hatten gerade einen Happen und ein Bierchen in der Dorfkneipe, als wir diese Geige sich in Hendrix verwandeln hörten. Ein Duo (Kindred Spirit) spielte in einer Ecke der Bar einen interessanten Mix aus Folk und Rock. Der Name des Typen war Sim Jones (Dirigent, Lehrer und Geigenvirtuose). MLJ fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, mit uns zurück ins Studio zu kommen und einen Part bei 'Smoke' einzuspielen. Nun, tat er - ein Take - und vielleicht werdet ihr das Resultat zu Ohren bekommen. Glücklicherweise hatte er ein Auto, es war Ostern und wir konnten kein Taxi mehr vor 23:30 Uhr bekommen, so dass er uns eine Mitfahrgelegenheit zurück ins Studio bot - danke Sim.

Steve Morris hatte sich während dieser Session den Finger geschnitten, was ich mitbekam. Während 'Smoke', als er meinen Blick auf den tröpfelnden Gitarrenhals bemerkte, sagte er unbekümmert 'Da schau Ian, jetzt muss ich für dich bluten.' Eine Woche oder so später telefonierte ich mit ihm und fragte 'hast du es geschafft, das ganze Blut von deiner Gitarre wegzukriegen?' Er sagte 'Ich habe drei Lagen Klarlack draufgetan, das bleibt dort für die Ewigkeit, Kumpel!'

Jeff Healey, der in Toronto, dann bei Metal Works, sowohl 'Blind Man' als auch 'Smoke' aufnahm - fast jeder ist bei Smoke dabei - ließ uns alle ob der Erkenntnis erschauern, dass wir Zeugen etwas ganz Besonderen wurden. Jon Lord hatte seinen Part schon in England eingespielt, und nun hörten wir die Gitarre den Zauber vervollkommnen. Die beiden zusammen waren schon sehr bewegend und weitaus mehr, als wir uns beim Entwerfen der Idee erträumt hatten, Jon und Jeff auf diesem Titel zusammen zu legen.

Nach dem ersten und zweiten Take gab es spontane Beifallsbekundungen, und ich erinnere mich, so etwas wie 'Jeff, das ist ja echt sagenhaft' gesagt zu haben.

'Da bin ich sehr dankbar für' erwiderte er, und dann - nach einer kleinen Kunstpause - 'Ich werde es dich wissen lassen, wenn ich deiner Meinung bin.' In der Tat lieferte er auf dem nächsten Take das perfekte Solo.

Nick und Michael haben noch ein paar Sessions - Joe Satriani und Ronnie James Dio - in den USA am Start, und wir warten noch auf einige, uns zugesagte Parts - keinen Stress, Jungs.

Nun bin ich in Los Angeles und beginne mit dem Rest der Bande die Arbeit an dem neuen Deep Purple Album. Ian Paice hat rausgefunden, warum Ritchie über viele Jahre lang so grantig war - anscheinend war es eine prae-minnestruale Sache. Mei, der übliche Spott halt, derweil wir Plätze suchen, um unsere Wäsche zu machen und unsere Kühlschränke mit Snacks füllen.

Es ist doch immer wieder ein gutes Gefühl, vor einem neuen Projekt zu stehen, und mit meinen Purplekumpeln im Studio zu sein.

Die Idiokratie: Ja, ich hab's nicht vergessen.

Eines Tages, wir arbeiteten gerade in den Metal Works Studios in Mississauga/ONT daran, die Basistracks für Gillan's Inn zu notieren, sausten wir schnell zu einem Supermarkt namens Bob Lobslaw (nicht wirklich) für Erfrischungen.

Ich machte einen Korb mit gesund ausschauenden brasilianischen Nüssen aus, die mich dazu veranlassten die Tatsache zu erwähnen, dass alle brasilianischen Nüsse wie jene dort in der EU mittlerweile illegal wären.

'Warum?' fragte Nick Blagona

'Weil die Schalen unter dem Verdacht stehen, toxisch zu sein - den Reglern zufolge.' 'Oh, in Kanada essen wir die Schalen nicht mit', erklärte Nick

'Tun wir auch nicht' entgegnete ich.

In einer Antwort an Akiko Hada (die hier bei Caramba! einen so brillanten Job mit unseren japanischen Übersetzungen macht), als sie nach dem Tempus eines französischen Wortes fragte, das ich in einem vorherigen DF benutzt hatte, schrieb ich ihr…

… 'Ich bin sicher, dass du mit dem Anglais(e) richtig liegst, weil mein Franglais(e) ein crepe ist.'

Am Tag darauf las ich in der Times von einem Engländer, der ein Experte - und zweifelsohne irgendwas in Richtung Erbsenzähler dabei gleich mit - auf dem Gebiete des Geschlechtes französischer Flüsse geworden ist.

Nun erfreue ich mich an dem bisschen 'Ou Le La!!!' wie jeder andere auch, aber das planmäße Abwürgen einer althergebrachten Sprache ist nur ein Grund mehr, die Freiheit zu genießen, solange sie es noch gibt. Habt ihr mitbekommen, wie, in einer Welt des Einheitsbreies - Fischerei, Landwirtschaft, Währung etc. -, nur sehr wenig die Rede von einer gemeinsamen Sprache ist? Nun, warum haben DIE denn nicht daran gedacht? Selbstverständlich haben sie, das wissen wir; nur dass jene, die nur Grau im Spektrum des Lebens sehen können, jene, die aus dem Bürosessel gefeuert und ohne Cent auf ihre Strassen der Spasslosigkeit gesetzt werden sollten, diese Sprache, die das Englische nun einmal ist, noch nicht einmal ins Auge fassen.

Ratlos und böse angesichts des Fehlschlages des Esperantos - ja, es sind die selben Idioten, die sich vergebens diese hohle Hybridsprache ausgedacht haben - arbeiten sie nun an einer Art obskurem Wallonischen Dialekt, der die Schablone für eine neue und obligatorische Sprache - oder auch Europlapperisch , wie es mal genannt werden wird - werden soll. Es arbeitet sich schon durchs System und wird uns zu beglücken drohen, noch ehe wir es mitbekommen.

Das Englische wird zu ihm stehen, wie die Ente zum Pate, während der Rest die Vorschriften ignorieren wird; wie immer, wenn solche Vorschriften auch einen Moment von Unbequemlichkeit verschaffen.

Wie ich so vergangenen Herbst durch Russland reiste, sah ich einen direkten Weg, der Ökonomie dieses Landes Hilfestellung im Kampf gegen die Erkältung einzubringen. Vergleicht nur einmal den Pjreis von Misteln jener Tage, nicht lange her wurden sie zu einer ziemlich seltenen Ware - fast schon gefährdet habe ich gehört. Nun, die russischen und ukrainischen Bäume stöhnen unter dem Zeug und Misteln sind entlang des Straßenrandes leichte Beute. Hunderte Tonnen Misteln; muss Millionen wert sein.

Eine ähnliche Theorie fiel vor Jahren voll auf die Nase, als ich die Überfülle an sauerstoff-produzierenden Pflanzen in meinem Teich ausnutzen wollte. Ich brachte einen ganzen Volvo voll zum Tierladen im Dorf, wo sie für einen einzelnen Strunk schon 1 Pfund in Rechnung stellten. Ich stellte ihnen einen Rabatt von 50 Prozent in Aussicht, wenn sie die Ladung komplett für 25 Riesen abkaufen würden. Sie hielten mir einen kurzen Vortrag über Angebot und Nachfrage - und dann forderten sie mich auf, mich schleunigst zu verzupfen.

Oh ja, der (Vertrag) Rider, wie wir ihn nennen und ein paar abfällige Kritiken neulich seitens der Unerleuchteten. Der Rider (davon gibt es einige), auf den Bezug genommen wird, ist die Liste mit den zusätzlichen Dingen, die wir in unseren Gasträumen und Umkleiden benötigen. Sachen, die wir nicht mit uns herumtragen können - aus der Kategorie Erfrischungen.

Wir stellen an keinen irgendwelche Forderungen - schon gar nicht an unsere heißgeliebten Promotoren, und wir zahlen für jedes einzelne Teil; unser Management unterstützt keine Verschwendungssucht.

Ich erinnere mich an einen jungen SCHNÖSEL von Reporter, der wegen eines Interviews in meine Umkleide kam.

'Boah ey! Das alles nur für dich??', bemerkte er angesichts der kulinarischen Vielfalt.

'Ähm - nein' antwortete ich, etwas verdutzt ob seiner Gehässigkeit. 'Normalerweise bieten wir unseren Gästen gerne etwas Gastlichkeit, Medienfuzzies eingeschlossen' - kehrte meine Fassung wieder - 'aber da du hier nicht mehr länger willkommen bist, könnte es glatt 5 Minuten länger reichen, wenn die anderen Tölpel reinschneien; da ist die Tür.'

Mit finsterem Blick und verschärftem Hass auf alles jenseits seines Verständnishorizontes zog er von dannen.

Was ist bloß mit EMI passiert?

Financial Times, Dienstag 8.Febr. 2005

Schlagzeile auf der ersten Seite der Firmen und Börsenrubrik.

EMI Aktien verlieren nach Gewinnwarnung 16%.

EMI Aktien verloren gestern 16%, nachdem das drittgrößte Musikunternehmen der Welt bekannt gab, dass die Verkaufszahlen an Tonträgern für das Jahr bis zum 31.März 8 - 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken sind, und der Gewinn vor Steuern und außergewöhnlichen Ausgaben um rund 15 Prozent fallen werde.

Die Ankündigung veranlasste die Kreditagentur Standard and Poor's, EMI bezüglich einer möglichen Abwertung zum Trödelstatus unter Kreditbeobachtung zu stellen...

Fakten: Deep Purple verkaufte allein im Vereinigten Königreich um die 150.000 Tickets von Anfang bis Ende der 'Bananas'-Tour, die durch rund 38 Länder in 18 Monaten führte und vor einem Millionenpublikum in aller Welt spielte. EMI stellte - und verkaufte locker - im Vereinigten Königreich eine Auflage von 18.000 CD's her. Mehr Kopien zu ziehen wurde kategorisch abgelehnt.

Selbst in aller Fairness könnte ich nicht die Gründe umschreiben, die sie unserem Management und - noch beleidigender - unseren Freunden in Köln gegeben haben, weil dererlei Gründe sich meinem Verständnis entziehen. Allerdings frage ich mich, ob sie diese Art von Sache je ihren Aktionären erklären mussten, die ob der Entscheidung womöglich verdutzt sein mögen, ein - nach vorsichtiger Schätzung - Potential von einer halben Million Pfund Wert aus Bruttoverkäufen in einem Staatsgebiet auszulassen, und das von einer Band, die zu Einnahmen, die eine Milliarde Pfund überschreiten, von der Allgemeinheit in die Geldsäckel der Industrie als Ganzes in den letzten 35 Jahren verholfen hat (nicht, dass wir davon viel gesehen hätten, ihr versteht).

Eine andere Sache - ich meine, die meisten von uns auf der kreativen Seite waren erschüttert von der Ablehnung unserer Industrie gegen das Internetpotential, als es vor ziemlich vielen Jahren auftauchte. Das kommt raus, wenn man seine hellen Köpfe feuert und seinen Sesselpupern vertraut. Wäre die IT-Branche mit offenen Armen empfangen worden, anstatt sie als Bedrohung zu sehen, dann…ah, was dann? Da sind wir wieder bei der Kugel in Hitlers Kopf - wahrscheinlich wären wir alle tot, also danke dir EMI. Was getan wurde, ist Geschichte.

Gut denn, wir machen weiter. DP ist nicht länger bei EMI und - falls das alberne Grinsen auf Bruce Paynes Gesicht irgendetwas damit zu tun hat - schaut die Zukunft in der Tat absolut rosig aus, in der Kategorie "neue Plattenfirma"; aber die Ehre, das zu verkünden, gebührt ihm alleine (BP ist unser heißgeliebter Manager).

Jedenfalls möchte ich ein großes dickes Dankeschön von mir, und ich bin sicher, im Namen von uns allen sagen, die wir das Privileg hatten, mit ein paar wundervollen und enthusiastischen Musikleuten über die Jahre hinweg arbeiten zu können, bei EMI und anderen auch. Nicht nur in England, sondern insbesondere in Deutschland und auch in all den anderen Ländern. Zu all unseren alten Weggefährten möchte ich sagen, cheers…ist lustig gewesen, und ihr seid immer willkommen backstage.

Ich denke, fair ist es zu sagen, meine Meinung ist mir nicht wichtiger, als die Eure euch. Eine Meinung ist etwas, was man nach Jahren der Überlegung entwickeln kann, oder die man schlicht und einfach schon 'hat' - wie es Studenten machen; nie habe ich einen Studenten ohne feste Meinung getroffen.

Und daran gibt's absolut nichts auszusetzen.

Cheers,
Ian Gillan

Copyright © Ian Gillan 2005

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