Dear Friends

DF 26 - Wahrscheinlich steckt der Teufel im Detail

Dezember 2002

Liebe Freunde,

Details.

Ich schreibe dies hier in meinem Souterrain-Appartement in Los Angeles, in dem Halbschatten, aus dem heraus ich jeden Tag in unser hühlenartiges Probestudio in der Nähe vom Burbank Airport reise, einem freundlichen kleinen Ort, der sich mit der S.W.Airline und einer Menge allgemeinem Luftverkehrswesen beschäftigt. Hält man sich rechts vom Hollywood-way Richtung Winona, ist die Einfahrt zum Parkgelände nur ein kurzes Stück weiter. Ein alter Winnebago [1] ist dort an die Wand zurückgesetzt worden, die Sonnenblenden unten.

Wir haben mit dem neuen Deep Purple Album begonnen und sind beim Songschreiben. Im Januar werden wir mit der Aufnahme beginnen. Wir haben alle gute Laune, das ist aber schon alles, was ich über dieses Projekt zu sagen bereit bin, bis es fertig ist. Keine Berichte über Fortschritte, keine Andeutungen oder Tipps, es wird auch keine Rätsel geben.....keine Details. Dieses mal werde ich warten, bis es vollbracht ist. Ich habe mich schon einmal in meinen eigenen Fallstricken verstrickt, dieses mal, NEIN Sir, das war es, das allerletzte Wort zu diesem Thema.

Wie auch immer, wir gönnten uns lediglich Pausen zum Essen und Schlafen. Praktischerweise bewohnt Roger das Appartement nebenan, so dass wir ab und an etwas Pasta teilen oder einen Wäschekorb (?).

Paicey wohnt auf der gegenüberliegenden Seite, Steve etwas den Flur runter und Don ist im nächsten Block.

Die Autovermietung Enterprise Car würde mir tatsächlich kein Auto geben. Ich legte Ihnen einen Führerschein im Stile einer Photo-ID-Kreditkarte vor, mit einer hübschen blauen Flagge und einigen goldenen Sternchen; gerade ein paar Jahre alt und ersetzt das abgenudelte Papierteil, mit dem wir Briten zu den Zeiten von Empire und Marmite [2] den Auswärtigen gewöhnlicherweise unter der Nase rumgewedelt haben. Oh nein, sagt das Enterprise-Team, wir benötigen einen international gültigen Führerschein. Aber... das ist der brandneue, computerisierte Führerschein. Ich habe ihn schon überall in der Welt benutzt...seht ihr das da? Das ist die Europaflagge, Symbol wahrer Grüße...International? Internazionale? Wir haben dieses Wort doch erfunden.

Ich bin eine "Hertz-Nr.1-Gold-Card-Rote-Flagge-VIP-erster-Klasse-Diplomaten-Status-präsidential- ausgestattet-meist-hochwert-geschätzte-Kundschaft" und Europäischer Staatsbürger (na gut, so weit würde ich dann auch nicht gehen)...Aber Sir, hier steht U.K., also kann es nicht international sein, oder (rhet.).

Ich gab es auf und lieh mir einen Wagen bei der Fa.Hertz 5 Minuten später, mit dem selben Führerschein. Später fand ich heraus, dass Paicey sich ein Fahrzeug von Enterprise unter Vorlage der alten Britischen Pappe gemietet hatte, die, wie ich zugeben muss, ein paar französische Würter als Übersetzung der ein oder zwei wichtigsten Überschriften ziert, damit... wird... es... international...oh, ich kapier's!

Details.

Gestern bekam ich einen Anruf des Büros zur Berufung der Englischen Cricket Mannschaft. Sie wollen, dass ich als Allrounder im letzten Test gegen Australien in Sydney am 2. und 3.Januar spiele. Eröffnungsschlag mit Vaughan, rascher Wurf mit rechts vom einen End und anschneiden vom anderen, weiter im Auffangen und Zurückwerfen zum eigenen Wurf rutschen (so müsste ich nicht zum Pfostentor rennen) und zugleich Schiedsrichtern ohne Videobeweis. Lasst uns ehrlich sein, das ist der einzige Weg die Aussis zu schlagen...solange wir nicht fähig sind, natürlich, die 40 Jahre des KGN (Kleinster Gemeinsamer Nenner)-Denkwesens an englischen Schulen rückgängig zu machen...NEIN! Du darfst aber nicht so schnell laufen, mein junger Sportsfreund, was soll aus dem armen aus dem letzten Loch pfeifenden Billy dort hinten werden. Hast Du überhaupt eine Vorstellung davon, wie traumatisiert er für den Rest seines Lebens sein muss, weil er keinen Anschluss mehr halten kann... also nimm ein bisschen mehr Rücksicht und laufe in seinem Tempo...und was ist mit den Mädchen, lasst sie doch mit euch spielen, müsst ihr immer so auf männlich machen... es ist doch nur ein Spiel...gewinnen ist doch nicht alles. Und, seht ihr die riesige Grasfläche inmitten des Gemeindegebietes... KEINE BALLSPIELE.

Bedauerlicherweise, so denke ich, werde ich doch im Studio voll ausgelastet sein.

Details.

Mit den Zeiten des Lebens mit seiner eigenen Intelligenz wird es immer weniger erforderlich, jede Kleinigkeit zu analysieren. Man legt eine geistige Datenbank an und wägt sie mit dem Urteilsvermügen entsprechend der Umgebung, in der man sich entwickelt hat, ab. Ab und an, wenn neue Informationen eintreffen, klopft man diese Dateien ab und überdenkt seine eigene Position neu. Das Thema kann dann in der Tabelle der Relevanz befördert oder abgewertet werden.

Die Vielschichtigkeit des menschlichen Wesens kann nur aus einer gewissen Distanz erfasst werden, und wenn wir einen Schritt zurücktreten, werden die Details weniger wichtig. Du kannst die Erde riechen und die Luft atmen... an andere Dinge denken, vielleicht an mehr wichtige, als die Vendetta an deiner Grenze, die zwanghafte Egozentrik, Nachlässigkeit, Korruption oder offenkundige Dummheit und Inkompetenz der eigenen Regierung, oder den fanatischen Fundamentalismus deiner Medizinmänner.

Detailliertes Leben ist unvermeidlich, sicherlich aber zu verbessern, oder?

Details... nur Details.

Die Britische Navy verfügt über 3 Flugzeugträger, zwei davon außer Betrieb. Wenn sie einsatzfähig sind, wird der zuständige Offizier für Gesundheit und Sicherheit des Depots in Schottland...sorry, aber aus Sicherheitsaspekten kann ich nicht genauer werden...oh, Ihr kanntet den Aufenthaltsort schon, es stand in der Zeitung, wirklich? Ah, ... wie auch immer können sie nicht in den Krieg, weil sie die falsche Seife mithaben, folglich wird den armen U-Boot Besatzungen ein nicht mehr akzeptabler Hygienestandard zugemutet (ich habe ein bisschen übertrieben, aber die Wahrheit ist irgendwie gleich banal). Falls also irgendwer mit einem U-Boot entlang seiner Küste in den nächsten Monaten rechnet, keine Angst... das kann solange nicht passieren, bis Tesco seine Lager wieder mit Imperial Leather [3] aufgefüllt hat.

Details...Details.

Deinem Kind eine scheuern, hey das ist heutzutage ein Problem.

Britisches Fernsehen... "hier kommt das Ergebnis unserer Umfrage...95% der Eltern halten es für richtig das Recht zu haben, ihre Kinder zu ohrfeigen." Anschließend zitiert der Moderator vier e-mail Beiträge zu diesem Thema, drei davon schwimmen gegen den Strom... "wenn es falsch ist einem Erwachsenen Gewalt anzudrohen, warum sollte das dann bei einem Kind richtig sein?" Mit anderen Worten, "unter-keinen-Umständen-Watschen" Lobbyisten.

Aber!...das sind 75% des redaktionellen (schwerwiegender Stoff) Inhalts, der die genau gegensätzliche Meinung als Antwort auf die Wähler in ihrer eigenen Abstimmung wiedergibt...denkt mal eine Sekunde darüber nach, bevor ihr euch dem Ohrfeigenproblem an sich widmet, denkt nach über die Manipulation, die Medien in der Politik. Sie formen unsere Denkweisen, wir müssen auf der Hut sein.

Natürlich wollen Eltern das Recht haben ihre Kinder ohrfeigen zu künnen, aber sie haben so noch nie darüber nachgedacht, oder?

Kein liebendes Elternteil will ein Kind ohrfeigen, ab und zu muss man es aber einfach. Ich habe eine Theorie, wonach jedes Kind dreimal in seinem Leben eines hinter die Ohren braucht.

Das erste Mal im Alter von 3 Jahren, um es davon abzuhalten, sich mit kochendem Wasser oder unkontrollierter Elektrizität selber umzubringen.

Das zweite Mal sollte der schmutzige Job mitten in der Pubertät erledigt werden, um überproportionalen Unverschämtheiten Einhalt zu gebieten und eventuell noch sozialem Vandalismus vorzubeugen.

Das dritte Mal, ein Jahr darauf, halt eben für den Versuch.

Das war es schon, kein Problem. Ich denke, es ist wirklich einfach; die meisten, nein, die überwiegende Mehrheit der Eltern verstehen sehr gut den Unterschied zwischen einer Backpfeife und Prügel.

Details...

Wieder einmal habe ich mir den exzellenten Film Greaser's Palace von Robert Downing aus dem Jahre 1972 angesehen, ein absoluter V.I.M. [4]

Details...

Neues in der Art Briefe zu schreiben...eine neue Etikette...

Bei der Japanischen Tee Zeremonie überreicht Dir der Gastgeber nach sehr detaillierter Vorbereitung deine Tasse. Du bemerkst eine kleine Vertiefung, die genau in deine Richtung zeigt. Ein bescheidenes Zeichen von Respekt seitens des Überreichenden vor Dir.

Mir wurde es so erklärt, dass man nun zwei Alternativen hat...die erste ist gar nichts zu tun und die Position unverändert zu lassen.

Die zweite ist, die Tasse um 90 Grad zurückzudrehen. Was soviel bedeutet wie "Danke für die Ehrerbietung, aber ich bin wirklich nichts besseres als Du."

Es gibt da allerdings eine dritte Wahlmöglichkeit, die in anderen Kulturen als geboten betrachtet wird. Nämlich die Kerbe um 180 Grad zurückzudrehen, bis sie auf deinen Gastgeber deutet, auf diese Art also das Kompliment zurückzugeben. Wenn ich mich allerdings richtig an meine weise Lehrerin erinnere, ist das jedoch für Japaner inakzeptabel, da es die ursprüngliche Geste in ihren Augen abwertet.

Wie dem auch sei, mit dem zunehmenden Gebrauch von Initialen bei Begrüßung und Beendigung von Korrespondenz im Internet, habe ich einen sich weiterentwickelnden Gebrauch von Kleinbuchstaben bei hallo und auf Wiedersehen bemerkt...sollte das die dritte Wahlmüglichkeit in einer Cyber-Tee-Zeremonie sein?

Hello rb... goodbye, ig

Hello ig... Cheers, jp.

Details...lediglich Details

Ich wünsche Euch einen wundervoll festlichen Jahresabschnitt, falls Ihr es so feiert, und wenn nicht, dann habt eine wundervolle Zeit.

Cheers,

Ian Gillan

Fußnoten:
[1] Winnebago = amerikanisches Wohnmobile
[2] Marmite = berühmt berüchtigter englischer Brotaufstrich
[3] Tesco ist eine grosse Handelskette; Imperial Leather eine traditionelle und exklusive und Seifenmarke
[4] V.I.M. = very important movie

Copyright © Ian Gillan 2002

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