Dear Friends

DF 21 - Vorurteile, Witze, Stereotype & QPR (Oktober 2001)

Oktober 2001

Liebe Freunde,

die letzen Blätter fallen von den Bäumen hier in Connecticut. Die Roten und Braunen sind schon dahin; nur die Gelben sind noch übrig. Hirsche grasen und Truthähne schauen nervös; es ist diese Zeit des Jahres. Ein Mann von winziger Statur und geringer Breite ging gestern vorbei; ruhig, aber seltsam bedrohlich. Er hielt eine Art von Waffe, die aus einem Rohr bestand das an eine riesige Maschine befestigt war, die auf seinen Rücken geschnallt war. Mit einem plötzlichen Geklapper startete er die Maschine und die Tiere rannten fort. Innerhalb von Sekunden war er in einem Sturm von Trümmern verloren. Ich habe so etwas schon vorher gesehen und erkannte es als die große Amerikanische Erfindung des Laubblasens. Innerhalb von Minuten waren jedes einzelne Blatt und jeder einzelne Zweig vom Weg zum Rand der Baumlinie befördert.

Dann verstärkte sich der Wind ein wenig und alles war genau dorthin zurückgeblasen, wohin es gehörte; außer einer Blechschüssel für den Hund und den Kissen, von denen es keines zurück den Hang hinauf schaffte. Der Kopf des kleinen Kerls senkte sich für einen Moment. Aber er stürzte sich zurück ins Gefecht wie ein Besessener. Wie auch immer, es dauerte nicht lange bevor er wusste dass er geschlagen war und einen taktischen Rückzug startete, indem er auf eine Pause in der Brise wartete und dann zu seinem nächsten Auftrag sauste.

Im Moment da ich dies schreibe bin ich bei Bruce Payne (unserem Manager) auf dem Weg nach Florida zu einer Schreibsitzung mit den Jungs. In ein paar Wochen von jetzt an werde ich zurück in England sein für eine vollständige Pause von der Arbeit bis wir im Februar mit dem Touren wieder beginnen. Ich freue mich darauf Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen, Hausarbeiten zu erledigen, einzukaufen und in meinem neuen Auto herumzufahren; das Gelbe ist dahin nach fünf Jahren treuer Dienste, und jetzt habe ich ein Blaues. Ich werde regelmäßig den Strand entlang gehen und ins Pub um mich dort vor einem Kaminfeuer aufzuwärmen und einen Whisky mit Pater O'Donnell zu teilen, während er die Welt in Ordnung bringt.

Ich höre dass Marihuana, Ladendiebstahl und Vandalismus gerade in England legalisiert wurden. Nun, nicht genau legalisiert als solches, aber man kann alle drei jetzt begehen ohne Angst davor von der Polizei verhaftet zu werden; anscheinend wurde der Papierkram zu beschwerlich. In der Zwischenzeit bereitet sich die Gesetzgebung darauf vor, einen Verbrecher aus jedem zu machen der im Scherz heiliges Territorium verletzen könnte. Mit anderen Worten, eine weitere Spur wurde zur PC Autobahn hinzugefügt, und es könnte sein dass sie einfach nur den zerbröckelnden Hort der Freien Sprache, Speaker's Corner im Hyde Park, zerstören müssen, um dem zusätzlichen Verkehr Platz zu bieten…..Daher, bevor alle verbleibenden Kopien von ‚Das Leben des Brian' von den Regalen gefegt werden und jede frei denkende Person im Untergrund verschwindet, hier ist eine rassistische Geschichte.

Da waren drei Stahlarbeiter, ein Engländer, ein Ire und ein Schotte, die dabei waren, ein 40-Stockwerke-Gebäude fertig zu stellen. Jeden Tag um 13:00 saßen sie mit baumelnden Beinen über der Stadt und öffneten ihre Brotbüchsen.

"Mist!" sagte der Engländer, "Schon wieder Lachs- und Gurkensandwiches. Jeden Tag in den letzten sechs Monaten habe ich Lachs- und Gurkensandwiches als Mittagessen gehabt. Ich halte das nicht mehr aus, diesen Mangel an Abwechslung" und er stürzte sich vom Gebäude.

Der Schotte öffnete seine Brotbüchse. "Oh Mann" knurrte er "Nicht schon wieder, nicht wieder Haggis1 , nicht schon wieder verdammtes Haggis. Jeden Tag seit ich diesen Job angefangen habe, Haggis als Mittagessen. Ich gehe" und er sprang in seinen Tod.

Der Ire hob den Deckel von seiner ramponierten alten Brotbüchse und spähte vorsichtig hinein. "Oh nein, es kann nicht sein, ich glaube es nicht. Kartoffel-Sandwiches. Die Heiligen behüten uns. Jeden Tag seit Anbeginn der Zeiten habe ich meine Brotbüchse geöffnet um was zu finden? Kartoffel! Verdammte! Sandwiches! So. Nun, ich habe genug davon" und er rollte friedvoll in den Windschatten seines Freundes; sehr zum Erstaunen des Vorarbeiters der das ganze Ereignis beobachtet hatte.

Eine Woche später beim Begräbnis: (da sie so gute Freunde gewesen waren, war es eine gemeinsame Sache und die Ehefrauen trösteten sich gegenseitig) "Oh Janet, Oh Mary" weinte Elizabeth in ihr Taschentuch, "wenn ich es doch nur gewusst hätte, wenn ich es doch nur gewusst hätte. Ich dachte er liebte Lachs und Gurken, er hatte mir vor Jahren gesagt dass er die am liebsten hätte, und seither habe ich sie immer für ihn gemacht, oh mein armer lieber Henry"

Nach einer respektvollen Pause war es an Janet, sich zu erleichtern. "Oh Mary, Oh Elizabeth, oh mein armer lieber Mann" schluchzte sie, "Er war so stolz auf sein Erbe, und das Haggis, so pflegte er zu sagen, war das Aller-, das Allerallerwichtigste für einen Schotten was Lebensmittel anbelangt, oder etwas in diese Richtung. Wenn ich doch nur gewusst hätte dass er genug davon hatte, wewewennn ich es doch nur gewuwuwuwusst hätte" heulte sie in Jock's2 Grab hinunter.

Nach einer Pause die irgendwie länger war als es als angemessen betrachtet werden konnte, hoben Janet und Elizabeth ihre Köpfe und richteten gerötete Augen fragend auf Mary, die ausdruckslos in ihres Gatten letzte Ruhestätte hinunterblickte. "Ich verstehe das nicht" sagte sie, "Paddy machte seine Sandwiches immer selber."

Ich dachte, der Witz wäre lustig als ich ihn zum ersten Mal gehört habe, aber natürlich wuchs ich auf damit, über solche Dinge zu lache. ‚Mein Vater war aus Schottland' wie es in dem Lied heißt, und so wenig ich auch verstand von der rätselhaften Welt gab es mir keinen Grund zu denken dass er etwas dagegen hätte Jock genannt zu werden, es schien leicht und natürlich. So wie die wenigen Iren die ich kannte. Wenn du einen Vierten für einen komplizierteren Witz oder eine raue Hundegeschichte brauchtest, würdest du einen Waliser einfügen, aber ihre Eigenheiten waren nicht so offensichtlich; eine seltsame Rasse von Leuten, die Waliser, fragt nur Roger.

Die Engländer waren auf sublime Art arrogant und jeder von ihnen strebte die Oberschicht an; alle außer der Oberschicht natürlich, die jeden total verachteten der seine eigenen Möbel kaufen musste (ja, ich weiß). Welches auch immer deine Gesellschaftsschicht war, wenn du Engländer warst warst du dazu verpflichtet das Spiel auf die gute alte Weise zu spielen, was bedeutete die Regeln des Marquis von Queensbury in einem Straßenkampf zu beachten, wärend man die Fähigkeit haben musste, schneidende wegwerfende Phrasen wie ‚Schurke' oder ‚Gemeiner Kerl' zu verwenden auf dem Weg ins Spital.

Schotten waren klein, aggressiv und berühmt für ihre Sparsamkeit, zum Beispiel ‚Jummie ließ einen Penny fallen und er landete auf seinem Rücken'.

Was die Iren angeht, nun sie liebten eine Prügelei, oder, oh sie liebten eine Prügelei und sie liebten ihr Guinness und sie waren dafür bekannt, Querdenker zu sein; ‚Entschuldigen Sie, Herr Wirt, haben Sie offen?' ‚Nein, haben wir nicht mein Herr, nicht vor sechs Uhr, aber hätten Sie gerne ein Getränk während Sie warten?' oder ‚Paddy machte seine Sandwiches immer selber'.

Über stereotypische Bilder zu lachen wurde immer als gesunder Weg betrachtet, Spannungen abzubauen. Natürlich war niemand wirklich so, und man würde es schnell genug lernen wenn man in anwesender Gesellschaft zu weit ging (das Zeichen dafür war ein Schlag in die Schnauze); also war jeder darauf bedacht sich im sicheren Bereich zu bewegen. In England gab es keine nennenswerte Einwanderung seit 1066, bis kürzlich. Die neugefundenen Empfindlichkeiten sind mehr darauf bedacht Minderheiten zu schützen, die es nicht schätzen über einander zu lachen. Tun sie das wirklich nicht? Ich glaube nicht. Die witzigste Satire die ich in den letzen Jahren gesehen habe wurde von asiatischen Programmverantwortlichen in England ausgestrahlt zum Nutzen und der Freude der gesamten Gemeinschaft.

Die Gezeiten der gesellschaftlichen Toleranz sollten diese Dinge in der Vergangenheit entscheiden. Vermutlich ist es jetzt derselbe elende Haufen, aber gegenwärtige Richtlinien werden, oft unbewusst, von den Massenmedien (die immer verzweifelt nach Inhalten suchen) verbreitet und zu Gewohnheitsrecht gemacht3 durch die politisch korrekten Schlangen die am Puls der Erkenntnis sitzen. Es sind die humorlosen Vorstreiter des Geschmackes die diese Entscheidungen treffen, die Hüter des moralischen Hügels, die Abwiegler, die, die alles auf den Kopf stellen, die, die die Geschichte umschreiben…. ‚Oh, diese schändlichen Kolonialisten…'

Was zur Hölle sollte man tun als gesunder Jungspund im 18. Jahrhundert, als einen Säbel für König und Vaterland zu schwingen. Denn wenn man das nicht freiwillig tat wurde man ohnehin dazu gezwungen; zu der Zeit kannte niemand etwas anderes. Wo hin zu gehen, Leute zu hauen, das war so üblich. Grober Humor war die Sprache der Prinzen und der Bauern und persönliche Ehre war das Erkennungszeichen der Akzeptanz, sogar unter Dieben.

Die Krays (Londons berüchtigte East-End-Bandenmitglieder) waren echt verwirrt über die Besorgnis der Obrigkeiten… ‚Was hat das mit denen zu tun, wir ermorden nur solche von uns, die Öffentlichkeit hat nichts zu fürchten.'

Von den Reichen zu stehlen und es den Armen zu geben (hmm) war das ausschließliche Tätigkeitsgebiet von Robin Hood GmbH, und gleichartiger privater Unternehmungen. Jetzt erleben wir die Burg Voll Von Spitzbuben in Westminster (eigentlich Whitehall, da Westminster unrelevant geworden ist) die dieselbe Handlung auf einer Stufe unternehmen, die sich Wilhelm Tell (der Schweizer Menschenfreund) niemals hätte träumen lassen… nur dass die sogenannte Wiederverteilung des Reichtums an der Haustür Nummer 11, Downing Street, des Labour (umgebauter Sozialist) Kanzlers zu enden (Ich bin dein Mann) scheint.

‚Steuern, Steuern, Steuern, Steuern, Taxi! Ich sage kleines Taxi, meine Autos haben keinen Treibstoff mehr. Was soll ein Kanzler tun?'

‚Nun, Gov (kurz für Gouverneur, Chef, offenkundig respektvoll, aber selten so gemeint), wenn ich du wäre würde ich einen Fleischerhaken (Cockney gereimter Ausdruck für "Blick") werfen auf die Kursdiagramme der OPEC (Organisation der Erdöl-Exportierenden Länder)die gerade veröffentlicht wurden und die Analyse der Kosten zeigen, nett und einfach, so dass sie der Kunde (durchschnittlicher Kerl) verstehen kann. Man muss nur die Steuern heruntersetzen, oder? Einfach, oder?'

Sie wollen doch nicht vorschlagen dass es die Schuld der Regierung ist? Sie elender kleiner Prolet (Gehaltsempfänger/Steuerzahler). Wie zum Teufel soll ich denn die Straßen vom Verkehr säubern, wenn ich Sie nicht zu Tode besteuere? Und noch was anderes, jeder weiß dass die Strecke von der Raffinerie zu der Zapfsäule blockiert ist, nicht durch Zaunlatten sondern durch die gierigen Ölgesellschaften, die die Situation manipulieren für ihre eigenen bösen Ziele. Das hat mit uns nichts zu tun. Und noch was, wir werden unsere Politik nicht ändern, nur weil das die Leute von uns wollen. So regiert man kein Land. Wenn die Ölkartelle nicht so habgierig wären, würde man die Preise nicht hinauf und hinauf gehen sehen…'

‚Hören Sie, Guv, die Preise für Rohöl sind seit drei Jahren kontinuierlich hinuntergegangen, falls Sie sich daran erinnern, aber die Steuern wurden erhöht in einer Art verrückter verkehrt-exponentiellen Gleichung, um die Preise an den Zapfsäulen gleich hoch zu halten. Als daher die Rohölpreise wieder anstiegen, wurde die Schuld schlauerweise der OPEC zugeschoben, ist das nicht so, Gouverneur. Ich meine, Sie spielen alle dasselbe Spiel.'

‚Das ist, wie Sie selbst sagten, eine grobe Verallgemeinerung, und überhaupt, wer sind Sie, und wo lernte ein Plebejer (eine gewöhnliche, unbedeutende Person) wie Sie, Worte wie exponentiell zu verwenden.'

‚Der Name ist Fred Sir, und ich habe den "Verstand von England"-Wettbewerb gewonnen Gouverneur, was ist Ihre Entschuldigung?'

Stereotype und Vorurteile, wir kommen nicht ohne sie aus. Nehmt Rock ‚n' Roll. Im Wesentlichen ist es ein Oberbegriff, wie ‚Hoover'4 ; er beschreibt perfekt was du in deinem Schrank hast und wofür es verwendet werden kann, während es noch einen Überrest von geheimnisvollem Nimbus zurückbehält, so dass man, wenn die Freunde vorbei kommen, immer noch den Dyson herausziehen kann. ‚Beeindruckend, nicht?' ‚Ja, schon, aber hast du schon den neuen Elektrolux gesehen, oh, zum Sterben.'

Also alle meine Freunde haben einen Bill Haley irgendwo auf Lager, im geistigen Dachboden, aber in Wahrheit haben wir alle Bill Haley verschmäht; nun, nicht alle von uns, aber er war draußen so weit es Rock 'n' Roll betraf. Wisst ihr warum? Weil er kultiviert war, unwirklich und, obwohl er es nicht wusste, herablassend. Das Schlimmste von allem drückte sich aus in ‚hey Kinder, dies ist speziell für euch'.

Elvis Presley, Little Richard, Buddy Holly, Chuck Berry, The Coasters, Gary U.S. Bonds, die Everly Brothers, und all jene. Das war Rock 'n' Roll, und lasst euch von niemandem etwas anderes erzählen. Damals, damals, damals begannen wir das zu begreifen, nur die Musik. Nicht die Vorschriften der kontrollierten Entwicklung. Nicht die Schwarz/Weiß Sache und die ganze erschreckende Amerikanische Apartheid Krankheit, es war nur die Musik.

Also begannen wir alles zu kaufen was uns in die Finger geriet von Labels so verschieden wie Blue Note, Pye International, Tamla Motown, Stax, Chess und so weiter.

Irgendwo tief in der menschlichen Seele gab es einen Mittler der entschied ob man sich besser fühlte indem man dem Jungen Elvis zuhörte, Marvin Gaye, Otis Redding, Little Richard, Sonny Boy Williamson, Howling Wolf, Dusty Springfield und Brenda Lee auf der einen Seite oder Bill Haley, Bobby Vinton, Cliff Richard, The Bachelors and Pat Boone etc. auf der anderen Seite. Es war mehr als eine Aufnahme, der man zuhörte, es war mehr aus nur ein Stück Ware, das man kaufte. Es sollte dein Leben formen.

So wie bei der Entscheidung, eine politische Partei/Ideologie einer anderen vorzuziehen, gehst du entweder denselben Weg wie deine Eltern oder du nimmst die Aussichtsstraße, manchmal einfach aus Prinzip. Es hat wenig mit Vernunft zu tun, weil es manchmal nichts gibt, auf dem man ein Urteil gründen kann außer dem gegenwärtigen Status, dem momentan schiefen Lehrplan und einem wachsenden Gefühl der Ungerechtigkeit. Da gibt es keine breite Perspektive, nur Leidenschaft, wenn du die großen Dunghaufen der Geschichte ansiehst die dich umgeben, und du eine Entscheidung triffst, so sei es.

Es ist das Gleiche mit deinem Fußballteam; QPR sind ohne Zweifel der wunderbarste Fußballverein aller Zeiten. Wenn ich mich nicht allzu sehr davon überzeugt fühle dies von den Hausdächern zu schreien, insbesondere in Hinsicht auf ihre gegenwärtige bescheidene Position, kann ich über vergangene Ruhmestaten sinnieren. Die erste Ligamannschaft, die jemals ein Wembley Cup Finale gewonnen hat (gegen WBA, 1967), und wie war das damals, als wir gegen Manchester United fünf Tore geschossen haben. Na? So lange ist das nicht her, oder? Das ist alles wesentlich, oder? Oder ist es bedeutungslos?

In einem persönlichen Gefühl kann ich Gedanken wie diese zu Papier (sic) bringen, aber alles bis hier her, außer den vier Anfangs-Absätzen wurde vor dem katalytischen Dienstag, dem 11. September geschrieben. Also was hat sich geändert?

Ganz sicher nichts seit Kosovo; die einzige annehmbare Autorität die Aktionen mit weltweiten Auswirkungen setzen kann ist die UNO. Nicht um den Kampf zu vermeiden oder jene, die ihn führen, sondern um ihn in den Augen jener rechtmäßig zu machen die die Dinge unterschiedlich sehen, und um nach Verständnis zu streben, einem Schwerpunkt und vielleicht einem Schimmer von Hoffnung. Die UNO ist schwerfällig, aber das kommt daher dass sie von den Großen Jungs elendiglich nicht unterstützt wird.

Jede Kultur hat ihre unterschiedlichen Ansichten; daher ist dies ein Krieg der Perspektiven. Jede Seite (und da gibt es mehr als zwei) nimmt für sich pflichtbewusste Rechtschaffenheit in Anspruch, angenehmerweise befürwortet durch den Gott ihrer Wahl. Vorsätzliches Töten ist falsch und, vielleicht ironischerweise, ist Churchills ‚Jaw, jaw, jaw, instead of war, war, war'5 noch immer der einzige zivilisierte Weg vorwärts.

Bis vor sehr kurzer Zeit, und dies ist den Massenmedien (nicht CNN, übrigens, oder Regierungen) zu verdanken, waren sich die Protagonisten der jeweiligen Empfindlichkeiten nicht bewusst.

Lasst mich euch ein Beispiel dafür geben, das ich persönlich erlebt habe.

Im Jahre '66/'67 arbeitete ich mit Roger Glover in Beirut. Unsere Band, Episode Six, war für drei Monate gebucht um im Casino du Liban zu spielen, einem Kasino/Unterhaltungskomplex, der zu der Zeit Paris und Las Vegas in den Halbschatten der Großzügigkeit schaufelte.

Ich sah viele Dinge, die für mich fremd waren und die meine anerzogene Sicht von Benehmensmustern verletzten. Und dennoch war ich innerhalb einer kurzen Zeit hingerissen von der entzückenden Gastfreundschaft und der echten Freundlichkeit von allen die ich in dieser unterschiedlichen Welt traf.

Um eine Hafenanlage in der Levante zu sichern hatten die Amerikaner in Beirut einen Seestützpunkt erschwindelt (das mag zu stark ausgedrückt sein, aber so fühlten viele Libaneser). Als eine Geste des guten Willens, oder vielleicht als Gegenleistung für das Privileg, zahlte die US-Regierung für die Errichtung einer Erste-Klasse-Autobahn, die von der Stadt aus in nördlicher Richtung wie es schien für ungefähr dreißig/vierzig Kilometer entlang der Küste verlief, durch Juniyah und Maameltaine (wo wir ein Appartement an einem Hügel hatten) und die am Kasino endete. So konnte der Internationale Playboy zum Beirut International Flughafen fliegen, die Zedern riechen, in seinem Hotel einchecken, den Goldmarkt besuchen und zum Kasino hinausfahren zu einem Ort für Glücksspiel, Essen und eine Vorführung, ohne schreckliche Unbequemlichkeiten. So weit so gut.

Diese Straße, die für ihre Zeit sehr fortschrittlich war und einmalig im Land, überquerte den Gelben Fluss, eingegrenzt auf der seewärtigen Seite im Süden durch die Amerikanischen Militärdocks und im Norden durch die zivilen Docks. Der Gelbe Fluss war eine Umschreibung für eine Art Fluss, aber in Wahrheit war es ein offener Abfluss, der, schwerfällig, die ungeklärten Abwässer der Stadt in das östliche Mittelmeer transportierte.

Im Westen, unmittelbar flussabwärts von der Brücke die die Autobahn trug, war ein Lager von Palästinenserflüchtlingen. Diese Leute lebten, wenn "lebten" das richtige Wort ist, in Unterkünften aus Blech und Karton, so weit weg vom Unrat wie möglich. Aber sie konnten ihm nicht entkommen, hoch oben auf den Böschungen und gegen die Sicherheits-Stacheldrahtzäune, die den Navystützpunkt beschützten, ihre einzige Nahrungsquelle waren die verfaulten Überreste von verderblichen Lebensmitteln, die von den Docks auf den Misthaufen geworfen wurden.

(Das war üblich in den Plymouth Docks in England und, als ich während meiner Schulferien bei der Ernte half, sollte ich mit dem Bauern gehen und die Küchenabfälle für die Schweine sammeln. Dieser Brauch wurde in den 60ern verboten; unhygienisch).

Die Straße, und speziell die Brücke, wurden schwer bewacht um jegliche Flucht zu verhindern.

Azaleen waren gepflanzt worden auf dem Mittelstreifen zwischen den Fahrbahnen, und sie wurden durch ein Bewässerungssystem versorgt. Frisches Wasser sprühte aus Sprinklern die sich jeden Abend bei Sonnenuntergang einschalteten. Palästinensische Kinder versuchten an das Wasser zu kommen und es zum Trinken zu sammeln. Einige waren erfolgreich und einige wurden vom Verkehr niedergemäht.

(Normalerweise wurden Verkehrsopfer am Straßenrand zum Sterben liegen gelassen, denn wenn man es meldete wurde man als dafür verantwortlich erachtet, also tat es keiner. Ich erinnere mich deutlich dass ich einen schwer verletzten Mann in einem Straßengraben sah, einem anderen Abflussrohr. Als ich den Fahrer darum bat anzuhalten, damit wir helfen konnten, verschloss er alle Türen, überprüfte seine Pistole im Handschuhfach und beschleunigte weg von dem Schauplatz. Der Mann starb, vernachlässigt, im Straßengraben drei lange Tage später. Später fand ich heraus dass er ein Schullehrer gewesen war).

Die Palästinenserkinder, die vom Verkehr verstümmelt oder getötet wurden, wurden über die Brücke in den Misthaufen geworfen. Die die unverletzt gefangen wurden, erlitten dasselbe Schicksal.

Alles für einen Schluck Wasser.

Wenn die verzweifelten Eltern hinauf zu der Quelle ihres Schreckens blickten, sahen sie die Brücke und sie sahen das Zeichen an der Seite der Brücke. Die Inschrift verkündete es wäre ‚Die Amerikanischen Autobahn', und ihre Wut wurde gezielt.

Am Weihnachtstag im Jahre '66 ging ich an Bord eines der Kriegsschiffe, auf die freundliche Einladung von einigen Seeleuten hin, die unsere Vorstellung im Kasino gesehen hatten. Wir hatten ein hervorragendes Truthahnessen in der Messe der Matrosen, und nachher wurden mir einige bemerkenswerte Geheimwaffen, unbemannte Torpedo Hubschrauber zum Beispiel, auf einem Flugdeck gezeigt, bevor es am Abend zurück zur Arbeit ging.

Nicht lange bevor unser Vertrag auslief wurden wir zu einem Ausflug ins wunderschöne Bekaa Tal eingeladen. Dort erlebten wir ein typisches libanesisches Festmahl, irgendwas um die dreißig Gerichte waren auf exquisit gedeckten aufgebockten Tischen ausgebreitet, und mit ein wenig Arrak um es alles hinunterzuspülen, lernte ich die Etikette wie man mit kleinen Löffeln aus ungesäuertem Brot isst; nicht zweimal eintunken, das ist unhygienisch.

Ich zeigte über das Tal und fragte, ob wir dorthin fahren könnten. Uns wurde ziemlich strikte gesagt dass das nicht möglich wäre wegen der Gefahr die von den Leuten ausging, die dem Gelben Fluss entkommen waren.

Jeder meiner amerikanischen Freunde, der diese Geschichte gehört hat, so verletzt und fassungslos er auch gewesen sein mag im Gefolge des Dienstag, dem 11. September, war erschüttert und nahm still und leise das größere Bild auf. Geschichte ist übersät mit Ereignissen und Umständen wie diesen. Die Israelis zum Beispiel, haben ihre eigene ebenso starke Version, aber haben wir die nicht alle.

Da muss es einen besseren Weg geben.

Ich habe immer geglaubt dass viel von Humor (ich meine nicht Slapstick) ein Nebenprodukt der Angst ist (die selbst das erste Prinzip der Veränderung ist). Damit meine ich sowohl den Aufbau einer geistigen Immunität gegenüber einer dauernden Bedrohung wie einem kriegsliebenden Nachbarn, als auch eine Reaktion auf eine plötzliche Gefahr. Mit anderen Worten, wenn alles andere ausweglos und lebensbedrohlich ist, wenn du dann über deine eigene und die Albernheit deines Feindes lachen kannst, wer weiß… nur ein Gedanke.

Bis dahin Cheers,

Friede und Liebe

Ian Gillan

Copyright © Ian Gillan 2001

1 Haggis: Spezialität der schottischen Küche, besteht aus dem Magen eines Schafes, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wird.

2 Jock: umgangssprachlich, humoristisch. - der Schotte/die Schottin

3 blaired - unübersetzbares Wortspiel aus "blare" (brüllen) und Blair, dem damaligen Premierminister

4 Begriff für Staubsauger, wie im Deutschen "Tempo" für Papiertaschentücher

5 Wörtlich übersetzt "Kiefer bewegen statt Krieg führen" = "Reden, reden statt Krieg führen"

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