Dear Friends

DF 17 - Extrem lange, unter anderem (August 2000)

August 2000

Liebe Freunde,

Vergebt meine Abwesenheit aber die Sonne ist ein flüchtiger kleiner Teufel in England und daher habe ich sie ein wenig verfolgt. Nun, nicht genau verfolgt, mehr in der Art von Gehen am Strand, die Algarve-Erfahrung war wie eine Trance. Montreux kam als echtes ‚Hallo Guten Morgen' nach wie lange war es her seit dem Jodeln in einem Schneesturm auf der Kleinen Scheidegg. Nach einem anfänglichen Schock bei den Proben verlief die Show gut und die Stimmung war sehr gut. ‚Funky' Claude Nobs war wie üblich der perfekte Gastgeber und da war der zusätzliche Bonus einen jungen Gast zu haben. Der fünfzehnjährige ‚Mawfel' schloss sich uns für ‚Smoke' und noch einmal am Ende für ‚Black Night' an. Er machte seine Sache großartig, guter Sound, gute Präsenz, nettes Lächeln…einer von der neuen Generation. Steve wurde sehr gut fertig mit seiner gebrochenen Hand. Er hatte eine Woche vorher einen Skateboard-Unfall und hatte seinen Gipsverband speziell konstruiert damit er den hals seiner Gitarre erreichen konnte. Ich war der Meinung dass er seine Sache brillant machte; was für ein Profi.

Am Sonntag hatten wir einen freien Tag und erfreuten uns an einer Vergnügungsfahrt auf dem Genfer See, die Claude für viele von den zwölfhundert Mitarbeitern und Helfern vorbereitet hatte, die das Jazz Festival für drei Wochen so glatt hatten ablaufen lassen. Unnötig zu sagen dass ich im Wasser endete. Während ich an der Anlegestelle tropfte und auf meine Freunde wartete bis sie ausstiegen, stand ein alter Mann in der Nähe und starrte mich mit einem seltsamen Lächeln auf seinem Gesicht an. Nach ein paar Minuten gab er mir eine Sonnenblume und dies veranlasste hektische Aktivität bei den Fotografen. Wenn jemandem einer dieser ‚Feucht-Hippie'-Schnappschüsse in die Hände fallen sollte, könnten sie vielleicht ihren Weg in die Dunkelkammer finden.

Nach der Vergnügungsfahrt nahm ich meine Frau und ein paar Freunde mit zum L'Hermitage, einem Restaurant das einen Kellner hat dessen Einstellung sich als Souffle aus ausländerfeindlicher Überheblichkeit präsentierte, der nur die ausdrucksstärksten Fußball, äh Fans, gleichkommen. Auf jeden Fall heiterte er ein ansonsten bescheidenes Abendessen auf. Wenn man die Aussicht berücksichtigt, waren wir uns, denke ich, einig dass es, um US$ 500 für vier Personen, eine Einmal-im-Leben-Erfahrung war.

Am nächsten Morgen hieß es Lebewohl für Familie und Freunde und weiter ging es nach Vigo (über Madrid) mit der Band. Zwei unerwartete Angriffe durch Frauen mit Gepäckkarren ließen mich blutend und hinkend am Genfer Flughafen zurück. Zuerst wurde ich von hinten gerammt. Mein schmerzerfüllter Ausdruck schwand schnell als ich die Tatsache kapierte dass es voll und ganz meine Schuld war, zumindest war das die Schlussfolgerung die aus dem ‚Du Idiot' Ausdruck meiner Attentäterin zu ziehen war. Allerdings vergaß ich das bald, als ein zweiter Gepäckkarren über einige Zehen desselben Fußes rollte. Dieses Mal gab ich meine Entschuldigung ohne Verzögerung ab, nur um bildlich gesprochen von Shuppli ‚Der Dritten Attentäterin' in der Iberia Wartehalle in die Kniescheiben geschossen zu werden, sie arbeitete früher im Hotel Grief, kein weiterer Kommentar.

Manchmal sehe ich meiner eigenen Perversität ins Auge und werde von ihr getröstet. Es erfreut mich, sie gelegentlich durchsickern zu lassen; zum Beispiel wenn ich für eine Runde an der Reihe bin und ich von einem uninteressierten Barmann in einem uninteressanten Pub sechs Halbe Bier geordert habe, drei Whisky-Cola, zwei Wodka-Tonic und ein Glas Wein. Während ich fröhlich nickend mein Wechselgeld zähle, fühlt er sich dazu getrieben zu murmeln ‚wollen Sie ein Tablett?'. ‚Oh, nein danke Kumpel, ich denke ich habe genug zu tragen, meinen Sie nicht auch?' ich erwähne dies nur wegen eines anderen Fluglinien-Momentes…

Während ich mich auf 2A der Iberia-MD-87 (DC-9 mit Veränderungen) setze sträuben sich die Geruchsempfänger in meiner Nase als sich das olfaktorische Warnsystem gerade zu spät einschaltet um einen brutalen Anschlag aus der Flugzeugküche auszuschalten. Ich habe mich schon vorher mit Fisch beschäftigt (in einer vorherigen DF Vegetarier-Tirade) aber es ist wert genau wiederholt zu werden. Ich gebe prinzipiell nicht zu, Fisch zu essen; die drei herrschenden Grundsätze sind:

  1. Es geht über den Verstand des Menschen hinaus das Meer zu bewirtschaften wie er das land bewirtschaftet.
  2. Jenen verwirrten Typen entgegenzutreten und ihnen auf die gemeinschaftlichen Nerven zu gehen, die erklären ‚Ich bin Vegetarier, aber ich esse Fisch' (que?)
  3. Fisch hat die unglückliche Angewohnheit zu riechen und zu schmecken wie Fisch.

Sagte Marie Antoinette ‚Sollen sie doch Fisch essen'? Nein. Verbrannte König Alfred den Fisch? Nein. Verquirlter Fisch auf Toast? Ich denke nicht.

Einer meiner Vorfahren lebte am Hof von Ludwig Irgendwas, und während seiner Anwesenheit hatte er einen heftigen Flirt mit dem Küchenpersonal, mit allen. Er machte niemals halbe Sachen, der alte Herr Shudder. Als er sich gerade reißerisch Fräulein Mabel vorstellte, am Küchentisch, während der Sous-Chef die Fischköpfe, Schwänze, Gräten und anderes ekliges Zeug in den Kübel mit Schmutzwasser wegwarf, das, aus Gründen die mit Sparsamkeit verbunden waren, sein Dasein als Abwaschwasser begonnen hatte (das wäre dann das Abwaschwasser, nicht der Kübel).

M. Shudder war gerade dabei das Mantra ‚Ich komme Mabel' zu formen, das in seiner üblichen Form dreizehn Mal wiederholt wird und damit den tantrischen Kreis vervollständigt welcher jede mögliche phonetische Verzerrung erforderlicht und mit dem gutturalen (und der verblüffenden Auslassung meines F.E.D.) 'uuuuuuuuunnnnnnn ggggggaaaaaaggggaaaahhhaaaa hhaahahahahahahaaa'. Zufälligerweise kam Shudder in Mabels Lenden und hatte einen begleitenden Herzinfarkt. In seinen exquisiten Todesagonie trat er den Eimer (ja, so wurde dieser Ausdruck geboren). (Wortspiel: ‚to kick the bucket' bedeutet ‚einen Herzinfarkt haben'. Anm. d. Ü.). Unglaublich, nicht?

Der Abwasserkübel, oder Behältnis der Eingeweide wie es Branche euphemistisch bekannt war, wurde durch die unfreiwilligen Zuckungen des beinahe sehr angenehm toten M. Shudder in Bewegung über den rutschigen Boden versetzt. Er endete an einem ganz unterschiedlichen Standort und der Inhalt wurde versehentlich durch den Commis-Chef in einen Kessel geleert und schnell auf lauwarme Temperatur erhitzt. Ohne einen Moment zu verlieren (der blickte niemals durch) wurde die Substanz an die Tafel geliefert und der versammelten Aristokratie serviert. Blinde Ehrerbietung war es die sie dazu brachte anzunehmen dass diese Suppennäpfe ein Element der Nouvelle Cuisine enthielte; Teil des Materials der ‚Etikette' (oder dem ‚So macht man es', wie man es im Garten kannte) die nach innen übergewandert war. Sie tranken die Masse. Jemand sagte leise zu seinem Nachbarn ‚Was ist das für eine köstliche Suppe die alle ‚Teile des Fisches' beinhaltet die nur für den Fisch selber nützlich sind und die so klug in ranzigem Spülwasser halbgar gekocht sind?' ‚Oh, ich glaube das nennt man Bouillabaisse, und übrigens, haben Sie Shudder gesehen, er ist schon wieder zu spät'. All dies wurde ausgelöst durch einen fragwürdigen Gestank aus der Flugzeugküche.

Ich kam ohne Gepäck in Vigo an, was ebenso gut war weil sich da ein paar schnurrbärtige Frauen hinter den Säulen beim Gepäckkarussell versteckten, und ich es ohne eigenen Gepäckkarren einfach fand aus ihrem Weg zu springen als sie auf meine Knöchel losgingen. Vier Stunden nach der Show stand ich auf und flog heim nach England über Barcelona und Genf (fragt nicht), schlief tief und fest für 10 Tage und wachte mit einem schrecklichen Durst auf.

Das Napster Paradox ist ein Konflikt der Ideologien: Freie Musik gegen das Musikgeschäft, zwei Absoluta. Ich habe diesen Kampf schon vorher auf einem anderen Schlachtfeld gesehen. In den Siebzigern gab es eine machtvolle, wenn auch kurzlebige ‚Freie Musik' Bewegung. Erinnert sich jemand an die Edgar Broughton Band? Nun, Edgar war groß in ‚Freier Musik', als ein klein wenig ein Aufrührer der er war entfachte er viel Unterstützung (und gratis Publicity, speziell in Deutschland) für die Sache. ‚Musik sollte frei sein' predigte er, …'aber', so wurde mir von einem Veranstalter gesagt, ‚er ging niemals auf die Bühne bevor er nicht bezahlt worden war'. Ich sagte ihm ich hätte kein Problem mit freier Musik, aber er müsse die Auswirkungen verstehen; das bedeutete kein Geld. ‚Dies', antwortete Edgar, ‚ist euer Problem'. Ich erwähne dies nicht um einen Schlag gegen Edgar zu führen, den ich mochte, sondern um die Schwierigkeiten zu illustrieren denen beide Seiten gegenüberstehen. Matt Johnson (TheThe) drückt den Fall gegen den Schwachsinn sehr deutlich aus (siehe das Ende dieser DF). Wo wird das alles enden? Es macht mich dankbar für die unglaubliche Unterstützung die wir bei unseren Liveshows erhalten; die wir ohne euch nicht machen könnten.

Zuletzt habe ich die traurige Nachricht zu machen dass mein alter Freund Dave Heir seinen Kampf gegen den Krebs verloren hat der ihn schließlich diesen Sommer überfallen hat. Im Namen seiner Familie und seiner Freunde möchte ich mich bei denen von euch bedanken die über diese Seiten Botschaften des Beistandes geschickt haben.

Nun, wo ist mein Reisepass? Patagonia, Tierra del Fuego, Buenos Aires, Sao Paulo, Mexico City und dann weiter nach Europa. All diese Termine können in der ‚Gigography' gefunden werden, wenn sie auch am Ende eines sehr langen Reiseplanes sind. Ich frage mich ob zukünftige Auftritte nicht separat aufgelistet werden sollten und erst dann archiviert wenn sie gemacht worden sind getan. Was auch immer.

Liebe und Friede, ig


Anhang……

THETHE GEGEN DAS FIRMENMONSTER

Nach gründlicher Überlegung habe ich beschlossen Stück nach Stück meines neuen Albums ‚NakedSelf' wöchentlich auf meiner offiziellen Website www.thethe.com zum freien Download anzubieten.

Diese Entscheidung wurde nicht leichtfertig gemacht und weiter unten erkläre ich die Gründe dafür. Da die Spannungen zwischen Künstler und Händler sehr schnell zunehmen will ich ebenso das Positive in diesem Statement hervorheben weil ich denke dies ist eine berauschende Zeit um im Musikgeschäft involviert zu sein.


ICH HABE DIE ZUKUNFT GESEHEN, UND SIE WIRD SEIN……..

Eine Schlacht zwischen den Kräften die sind gegen die Kräfte die sein werden.

Durch ihre kurzsichtige Arroganz und Gier säen die Medienkonglomerate der größeren Verläge die Saat für ihre eigene Vernichtung. Neue Technologie, sowohl bei billiger, hochwertiger Ausrüstung für Aufnahmen als auch das gewaltige Potential des Internets bedeuten dass es für Musiker möglich ist ihre eigenen Aufnahmen zu finanzieren, ihre eigenen Urheberrechte zu besitzen, ihre eigene Musik zu verbreiten und ihre eigenen Karrieren zu kontrollieren. Das Publikum wird direkt mit dem Künstler zu tun haben und die Mittelsmänner werden auf Normalmaß zurückgestutzt.


LERNT DEN NEUEN BOSS KENNEN

Ich war in Bands seit ich ein 11jähriger Jugendlicher war und ich habe mit der Musik verdient seit dem Alter von 15 als ich begann für einen Herausgeber und ein Studio zu arbeiten. Ich habe die Musikindustrie aus vielen Blickwinkeln und über viele Epochen hinweg gesehen. Ich bin auch gesegnet mit einer soliden und treuen Zuhörerschaft von ungefähr 750,000 für jedes meiner Alben, eine Verkaufszahl die einstmals genügte um die Butter aufs Brot von Künstler und Plattenfirma zu gewährleisten, wenn auch nicht viel mehr wie es scheint. Offensichtlich sind die Verkaufszahlen von TheThe nicht in derselben Liga wie die Limp Bizkits, Offsprings und *NSYNCs dieser Welt, wenn auch jeder Verlag ein Dutzend Künstler wie TheThe hat (oder hatte), jeder mit einer soliden und treu fanatischen Zuhörerschaft, jeder mit vielen verkauften CDs und jeder der als kreativer Leitstrahl dient der andere Künstler anzieht, von denen dann einige selber wiederum Millionen Alben verkaufen werden.

Einstmals machten diese Künstler für die Aktionäre Sinn.

Bis jetzt.

Obwohl die Bandbreite und Vielfalt an Musik die geschaffen und vorgetragen wird niemals weiter war, waren die althergebrachten Absatzmärkte für Musik niemals eingeschränkter.

In der blauen Ecke: die Bedrohung (wirklich und als solche wahrgenommen) durch MP3/Napster, digitale Piraterie und die daraus folgenden Debatten über Urheberrechte, Gesetze und Rechte an Geistigem Eigentum.

Tief in der rechten Ecke: die zügellose Firmen-Gier der Medienkonzerne, großen Verläge und Radiostationen die jede Woche mehr und mehr Künstler an den Rand drängt und sie zwingt nach alternativen Wegen zu suchen, ihre Musik zu vertreiben.

All die oben erwähnten Ereignisse treffen zusammen und haben uns an die Grenze einer Wasserscheide im Musikgeschäft gestellt von der ich glaube dass sie die Punk-Revolution in ihrer letztendlichen Bedeutung zwergenhaft erscheinen lässt.


LERNT DEN NEUEN BOSS KENNEN

Vivendi haben gerade Seagrams geschluckt das PolyGram übernommen hat und es mit Universal verflochten hat das wiederum Interscope gekauft hat die nothingRecords (Heim von Nine Inch Nails, Marilyn Manson und TheThe) erworben haben.

Um grünes Licht vom Universal/PolyGram Käufer zu bekommen versprach Seagrams den Aktionären einen Gewinn aus Einsparungen, nicht aus Profiten. Sie haben einen Riesen Stall von Künstlern von drei etablierten großen Verlägen geraubt und zwei Drittel müssen gehen, um es so zu einer gepflegten fitten Maschine, entstanden aus eben jenen behäbigen und reichen Verkäufern, zu machen. Millionen von verkauften Alben sind jetzt notwendig um die wachsenden Allgemeinkosten dieser Verläge zu finanzieren. Allgemeinkosten die durch aberwitzige Bonuszahlungen an die Geschäftsleitung, aufgeblähte Spesenkonten und dem Streben nach Porsche erhöht werden. Um diese Maschine zu füttern ist der Künstler angehalten härter und schneller zu arbeiten.

VivendiUniversalSonyAOLTimeEmiWarnerBMG, alle repräsentieren einen Korb von Dividenden für die Aktionäre die schnell darin sind weiterzugehen, wenn die Zeiten härter werden. Kann sein dass die Marke Oasis momentan weniger anziehend ist als Heinz Bohnen.

Nach einer siebenjährigen Arbeitspause habe ich kürzlich ‚NakedSelf' veröffentlicht, ein Album das allgemein als eines der Besten meiner Laufbahn angesehen wird mit einigen der besten Kritiken die ich jemals bekommen habe (schaut auf meine Website). Ebenso war ich auf Tour seit November 1999 mit durch Mund zu Mund Propaganda in ganz Europa und Amerika ausverkauften Shows mit fantastischen Publikumsreaktionen. Und trotzdem war die Reaktion von Interscope/Universal extrem destruktiv und negativ. Ihre totale Abhängigkeit vom Radio bedeutet dass das brave Schiff TheThe verlassen wird sobald die Angst vor ‚nicht gespielt werden' um sich greift. Sie können sich keine Alternative ausdenken und warum sollten sie auch wenn sie schnell zum nächsten Künstler übergehen können (tritt vorwärts Beck, uups! Tritt vorwärts Nine Inch Nails… oje, No Doubt…autsch! Chris Cornell…?) Ein Künstler nach dem anderen ist in den Ozean gefallen. Beim Universal Konzern unterschrieben zu haben war wie auf einer Kreuzfahrt auf der Mary Celeste gefangen zu sein. Die Lichter sind an, aber es ist niemand zu Hause.


ES HAT KEINEN ZWECK ZU FRAGEN, DU BEKOMMST KEINE ANTWORT

Ich weiß was für Fragen ich stellen muss um herauszufinden ob Leute ihre Arbeit machen oder nicht. Künstler sind oft dazu fähig das Vertrauen von Firmenangestellten zu erwerben die ihnen Dinge über die Firma erzählen die sie den Bossen oder Mitarbeitern gegenüber niemals zugeben würden. Obwohl die meisten Angst davor haben es öffentlich zuzugeben, ist die Moral beim Universal Konzern jetzt sehr, sehr schlecht (wenigstens sechs Leute mit denen ich für mein neues Album eng zusammen gearbeitet habe haben die Firma verlassen und ich weiß von ein paar mehr die planen es ihnen bald gleich zu tun). Die Übernahme durch Seagrams und daraus folgende Verflechtung mit Universal und polyGram war sehr traumatisch, nicht nur für viele Künstler des Verlages sondern auch für viele Angestellte. Es gibt viele anständige hart arbeitende Leute in dieser Firma die wegen all der richtigen Gründe im Musikgeschäft arbeiten wollten, die aber jetzt entdecken dass ihre Hände gebunden sind weil ihnen nicht gestattet wird hinter Projekten zu stehen an die sie wirklich glauben. Seagrams füllt Flaschen und Musik ab indem es dieselbe Maschinerie verwendet und die reine Inkompetenz dieses Konzerns spottet jeder Beschreibung. Allen gebauten Mist aufzuzählen, der die Veröffentlichung von ‚Naked Self' völlig unterminiert und ruiniert hat würde den ganzen Tag dauern und ich möchte mehr die positiven Veränderungen hervorheben die ich in der Industrie erwarte, als über die Fehler vergangener Jahre zu lamentieren. Es reicht zu sagen dass es die katastrophalste Episode meiner gesamten Karriere war.


DIE WIRKLICHE FRAGE IST DIE

Ich verachte Zensur noch mehr als Piraterie und immer mehr Künstler werden durch Gleichgültigkeit und Vernachlässigung Opfer der Zensur. Sie schaffen es nicht dass ihre Musik durch die traditionellen Kanäle gehört wird.

Da Universal/Interscope entweder unfähig oder unwillig scheint, mein Album ordentlich zu vertreiben und zu bewerben und da sie sich weigern, es mir zurückzugeben, wurde ich dazu gezwungen andere Wege in Betracht zu ziehen, meine Zuhörerschaft zu erreichen. Nach vielen Überlegungen habe ich daher beschlossen gratis Downloads von ‚NakedSelf' auf einer ‚Woche für Woche und Lied für Lied Basis' auf meiner offiziellen Website www.thethe.com anzubieten. Damit hoffe ich dass mehr Menschen (darin eingeschlossen der Großteil meiner Zuhörerschaft) schlussendlich die Möglichkeit erhalten dieses Album zu hören und mich hoffentlich durch den Kauf der CD und zukünftiger Veröffentlichungen zu unterstützen. Jetzt enfach von ‚NakedSelf' fortzugehen wäre für mich wie ein Baby auf einer Türschwelle zurück zu lassen und das kann ich einfach nicht tun. Dafür glaube ich viel zu sehr an dieses Album.

Dies ist eine Entscheidung die mir nicht leicht gefallen ist, denn wie manche von euch wissen, wurde ich in den letzen Monaten viel zitiert wegen meines Widerstandes gegen Napster. Als Musiker und Songwriter, so wie in anderen Berufen, haben wir unsere Leben unserer Kunst und unserem Handwerk gewidmet und stehen nun einer Situation gegenüber dass Leute unser Werk stehlen und es gratis über die ganze Welt weitergeben. Niemand der jemals ein hartes Tagewerk für einen Tageslohn verrichtet hat würde von anderen erwarten gratis zu arbeiten, warum sollten dies also Musiker tun? Es ist auch eine traurige Tatsache des Lebens dass die große Öffentlichkeit noch immer ziemlich unwissend darüber ist, wie ungerecht die meisten Verträge mit Musikfirmen wirklich sind. Der Künstler zahlt für alles und besitzt doch nichts. Um gerechte und genaue Tantiemenabrechnungen zu erhalten muss er/sie in der Lage sein es sich leisten zu können ein Team von Revisoren alle paar Jahre hin zu schicken die sie Bücher prüfen, und das kostet Tausende von Dollars wenn man es ordentlich machen will. Traurigerweise akzeptieren die meisten Künstler mit mehr als ein paar Jahren Erfahrung dass die Industrie von den Grundsätzen der Institutionalisierten Korruption angetrieben wird. Die Stellung der Firmen ist die: Wenn du dein Geld willst, kannst du kommen und es finden. Wenn du es dir leisten kannst es zu finden hast du offensichtlich so viel verdient dass wir es uns leisten können dir welches zu geben.


DAS EINZIGE DAS GLEICH BLEIBT IST DIE VERÄNDERUNG

Der verrückte Zeitraum den wir gerade jetzt in unserem Gewerbe durchmachen fühlt sich sowohl einschüchternd an als auch aufregend und es erinnert mich daran, von wo her ich komme. Als Teenager war ich von jedem unabhängigen und großen Verlag in England wenigstens drei Mal abgelehnt worden bevor ich schlussendlich einen Plattenvertrag bekam, also begann ich in der Zwischenzeit meine eigenen Kassetten zu produzieren und sie bei den verschiedenen Konzerten zu verkaufen die ich besuchte. Es war eine befreiende und Kraft einflößende Erfahrung und lehrte mich angesichts von Teilnahmslosigkeit positiv zu bleiben. Wenn du zu Boden geschlagen wirst und eine Wahl hast, kannst du dich entweder zu einer Fötalstellung einrollen und sterben oder du kannst dich zurück auf die Beine aufrichten und kämpfen.

Matt Johnson
TheThe

www.thethe.com
www.thethedirect.com

Matt Johnson

Das Vorherige wurde mir von meinem Freund Michael Lee Jackson geschickt.

Friede & Liebe,

Ian Gillan

Copyright © Ian Gillan 2000

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